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S.Mercadante: Virginia, Tragedia lirica in 3 Akten (1866) 70.00 CHF
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S.Mercadante: Virginia, Tragedia lirica in 3 Akten (1866)

Susan Patterson, Stefano Antonucci, Paul Charles Clarke, Charles Castronovo, Andrew Foster-Williams, Katherine Manley, Mark Le Brocq - Geoffrey Mitchell Choir - London Philharmonic Orchestra - Dirigent: Maurizio Benini
Opera rara  Stereo Studio Rec. 2009
2 CD

Saverio Mercadante ist heute nur noch Insidern ein Begriff. Dabei war er einst das Bindeglied zwischen den Belcantokomponisten Rossini, Bellini und Donizetti zu Verdi.
Seine Oper Virginia wurde wegen der Zensur erst fünfzehn Jahre nach ihrer Entstehung 1866 uraufgeführt. Mercadantes Kompositionsstil war allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht mehr "en vogue" und galt als rückständig,  was zur Folge hatte, dass es durchfiel. Ein solches Zeiturteil kann heute keinen Bestand mehr haben, da es sich mit dem nötigen Abstand wahrscheinlich um sein bestes Werk handelt. Opera rara hat dabei ein weiteres Werk dem Dornröschenschlaf entrissen und mit einem tollen Sängerteam und dem kompetenten Maurizio Benini als Dirigent eine mustergülige Aufnahme veröffentlicht.

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Vor den Augen des entsetzten Volkes ersticht ein Vater seine Tochter, um sie vor der Sklaverei durch den skrupellosen Tyrannen zu bewahren. – Da gibt es bei Weitem ergreifendere Opernfinali im Italien des 19. Jahrhunderts, aber durchaus auch schlechtere. Saverio Mercadantes selbsternanntes Meisterwerk 'Virginia’ ist dennoch mittlerweile der völligen Vergessenheit zum Opfer gefallen, nachdem in den 1970er Jahren eine einmalige Wiederbelebung keine Früchte trug. Die Opern Mercadantes werden ohnehin stiefmütterlich behandelt, und wäre da nicht ein so umtriebiges und unentwegt forschendes Label für Opernliebhaber wie Opera Rara, würden noch viele Schätze der italienischen ‘romantischen’ Oper in den Archiven und Bibliotheken schlummern. Mit der Studioeinspielung vom Februar 2008 von Mercadantes 'Virginia’ schließt sich wieder eine diskographische Lücke und dem einst so erfolgreichen Opernkomponisten Saverio Mercadante wird zumindest eine späte Ehrenrettung zuteil. Die literarische Mischung von römischer Historie und Fiktion stammt aus der Feder des Librettisten Salvatore Cammarano, der auch für Donizetti und Verdi schrieb. Die Oper war bereits 1851 fertig komponiert und verweilte aufgrund der strengen Zensur weitere 15 Jahre in Mercadantes Schreibtischschublade, bis sie 1866 in Neapel als letzte Oper eines blinden Komponisten und mittlerweile toten Librettisten uraufgeführt werden konnte. Die Musik hält für den Hörer neben einigen reizvollen Einfällen vor allem wohlbekannte Opernstandards bereit, die allerdings kunstvoll ausgeführt sind. In diesem Zusammenhang sei besonders auf die wirkungsvollen Ensembleszenen und packenden Finali hingewiesen. Das große Duett zwischen Icilio und Virginia muss sich durchaus hinter keinem Verdi-Duett verstecken. Die dramatische Wirkung einer Szene steht für Mercadante trotz des oft zitierten Anspruchs auf ‘bel canto’ ganz offensichtlich an einer wichtigen, wenn auch nicht vordersten Stelle. Mit der erlesenen Sängerriege der Uraufführung kann die Neueinspielung leider nicht mithalten. Das liegt vor allem an den Interpreten der beiden Hauptpartien: Susan Patterson ist wahrlich keine akustische Freude. Die Stimme klingt spröde und verhärtet, die Höhen sind scharf, eine stilistische Gewandtheit ist nicht erkennbar. Erst im letzten Duett mit ihrem Vater Virginio gelingen Patterson intime Momente, die sie durch direkt anschließende, schrille Spitzentöne gleich wieder zunichte macht. Das Mitleid mit dieser Virginia hält sich in Grenzen. Auch der Appio von Paul Charles Clarke gehört mit Sicherheit nicht zu den Glanzpartien des Sängers. Er stemmt sich zwar beachtlich durch den tenoralen Hürdenlauf, hinterlässt aber im Gegensatz zu seinem Fachkollegen und inhaltlichen Rivalen keinen befriedigenden Eindruck.

Charles Castronovo bringt für den Icilio schließlich alles mit, was man sich erhofft: eine strahlende Höhe, stimmliche Agilität, eine unangestrengte Tonproduktion und eine ordentliche Portion vokales Testosteron. Allein für dieses Rollenportrait lohnt sich die Einspielung. Einfühlsam und im richtigen Moment zupackend gestaltet Stefano Antonucci die Partie des Vaters Virginio und Andrew Foster-Williams ist als Marco ein aalglatter Intrigant mit der Stimme eines dämonischen Liebhabers. Am Pult des London Philharmonic Orchestra weiß Maurizio Benini auf routinierte Weise, der Musik Mercadantes dramatisches Leben einzuhauchen. Handfeste Rhythmik kommt hier ebenso zu ihrem Recht wie die ätherische Melodik einer zarten Cantilene. Hier überrascht nichts, ebenso wenig sind aber Ausfälle zu beklagen. Diese 'Virginia’ ist entgegen Mercadantes eigener Einschätzung vielleicht kein Meisterwerk und Opera Rara mag auch keine meisterhafte Einspielung geliefert haben, aber 'Virginia’ ist für Opernliebhaber ein attraktiver Anlass, neben Verdi, Donizetti und Bellini dem großen Mercadante seinen wohlverdienten Platz zu gewähren.

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Kritik von Benjamin Künzel, 14.04.2009

Diesen Artikel haben wir am Freitag, 06. März 2009 in unseren Katalog aufgenommen.


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